Tax Compliance | Technologie

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TaxTech: Der Weg zum zweiten Maschinenzeitalter in der Steuerwissenschaft

14.12.2017 | Zitierweise: Fettke, Tax Compliance, TLE-45-2017

| Der Markt für juristische Dienstleistungen verändert sich grundlegend. Ob Prozessmanagement über die Referenzmodellierung, das Process Mining, Deep Learning oder Robotic Process Automation zur Künstlichen Intelligenz, allesamt Themenfelder mit den sich Steuerabteilungen zunehmend beschäftigen. |

Wesentliche Treiber für die Entwicklung

Ein wesentlicher Treiber für die rasante Entwicklung ist, dass Steuerabteilungen im Unternehmen erhebliche Kosten verursachen, denen keine direkten Erlöse gegenüberstehen. Zudem erweitert sich das Aufgabenprofil in der Steuerabteilung, beispielsweise werden Compliance-Anforderungen erhöht, interne Kontrollsysteme müssen eingeführt werden und steuerrechtliche Fragen bei Unternehmensübernahmen sind zügiger zu klären. Folglich entstehen mehr Kosten in der Steuerabteilung, wobei allerdings die Budgets nicht entsprechend erhöht, sondern sogar verringert werden.

Ein weiterer Treiber sind die Liberalisierungen ehemaliger staatlich verankerter Monopole. Ähnlich wie bereits in anderen Branchen, beispielsweise in der Telekommunikation, auf dem Energiemarkt oder im Bereich der Mobilität werden auch im Steuerbereich staatliche Regularien fallen – je nach Land langsamer oder schneller. Dann werden neue Akteure, insbesondere Branchenfremde, in den Markt eintreten, die nicht sämtliche juristische Dienstleistungen anbieten, sondern Teildienstleistungen spezialisiert, aber hocheffizient anbieten.

Neue Techniken erlauben vollständige Digitalisierung

Während im 18. und 19. Jahrhundert noch die körperliche Arbeit automatisiert wurde, kommt es im sogenannten „zweiten Maschinenzeitalter im 21. Jahrhundert“ zu einer Automatisierung geistiger Arbeit (Brynjolfsson/McAffee (2014): The second machine age: Work, progress and prosperity in a time of brilliant technologies). Grundlage hierfür sind neue Informationstechniken. Exemplarisch genannt sind Plattformen zur Verarbeitung großer Datenmengen („Big Data“), Techniken der natürlichen Sprachverarbeitung, intelligente Scanner-Techniken oder der Mobilfunk. Die neuen Techniken erlauben die vollständige Digitalisierung aller Prozesse im Unternehmen.

Viele Märkte haben sich bereits in den letzten Jahren grundsätzlich verändert: Der Handel erfolgt jetzt über das Internet, analoge Fotografie ist ein Nischenmarkt und die individuelle Personenbeförderung erfolgt in bestimmten Regionen der Welt über private Dienstleister.

Beachte | Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass die Digitalisierung sämtliche Bereiche der Gesellschaft durchdringt, der Markt für (juristische) Dienstleistungen im Steuerbereich allerdings keinen Veränderungen unterworfen ist.

Ein Beispiel: Tax-Compliance

Das Aufbauen und Betreiben interner Kontrollsysteme (IKS) ist mittlerweile eine zentrale Aufgabe vieler Unternehmen. Ein prozessorientiertes Vorgehen von der systematischen Erfassung und Beschreibung sowie Dokumentation sämtlicher relevanter Unternehmensprozesse spielt eine herausragende Bedeutung, so auch im Bereich von Steuer-IKS, die seit einschlägigen Erlassen und Urteilen von hoher Bedeutung sind. Für die systematische Beschreibung, Dokumentation, Analyse und Weiterentwicklung existieren etablierte Konzepte, Methoden und Techniken des Prozessmanagements, die bereits in vielen Domänen außerhalb des Steuerbereichs ausgereift sind und ebenso für sämtliche Prozesse im Bereich eines Steuer-IKS eingesetzt werden können.

Auch wenn einzelne Unternehmen individuelle Anforderungen an ein Steuer-IKS haben, ist es offensichtlich, dass gleichzeitig erhebliche Standardisierungsmöglichkeiten bestehen. Sogenannte Referenzmodelle für das Steuer-IKS beschreiben Best-Practice-Prozesse und existieren mehr oder weniger explizit in jeder Steuerberatung. Die Referenzmodellierung bietet entsprechende Methoden, um systematisch die Bedürfnisse eines Mandanten individuell zu berücksichtigen (Fettke/Loos: Reference Modeling for Business Systems Analysis. Hershey et al. 2007). Zwar hat jeder Mandant individuelle Anforderungen an ein Steuer-IKS, aber letztlich können ebenso erhebliche Synergien zwischen Mandanten genutzt werden. Auf diese Weise werden Beratungsdienstleistungen im Bereich Steuer-IKS systematisiert und standardisiert.

Hinweis | Ein Steuer-IKS-System muss nicht nur einmalig eingeführt werden, sondern ist auch systematisch in seiner Anwendung zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen beziehungsweise weiterzuentwickeln. Dabei sind kontinuierliche Überwachungen vorzunehmen und einzuhalten.

Digitalisierung von Steuerprozessen

Die Digitalisierung von Steuerprozessen ermöglicht es, Techniken des Process Mining einzusetzen. Process Mining bietet maschinelle Analysen betrieblicher Daten, umso in Echtzeit Transparenz über sämtliche steuerrelevante Prozesse und tatsächliche Abläufe im Unternehmen zu erhalten.

Neben der Transparenz erlauben Spezialtechniken des Process Mining den automatisierten Vergleich zwischen den im Steuer-IKS definierten Soll-Prozessen und den tatsächlichen Abläufen im Unternehmen. Hierbei kann maschinell untersucht werden, ob beispielsweise nur einzelne Geschäftsvorfälle in Ausnahmesituationen von den definierten Regeln abweichen oder Regeln systematisch missachtet werden.

Wenn derartige integrierte Datenbestände über sämtliche Prozessabläufe vorliegen, können weitere Techniken des maschinellen Lernens auf Basis von Deep Learning eingesetzt werden (Fettke/Risse/Esterer (2017b): Anwendungspotenziale von Deep Learning im Process Mining in der Steuerabteilung am Beispiel von Henkel, in: IM+io, 2017, Heft 4, S. 84-90). Entsprechende Abweichungen und Anomalien werden nicht erst erkannt, wenn bereits ein Verstoß vorliegt, sondern bereits wenn erste Anzeichen für ein Verstoß erkannt werden. So können Compliance-Verstöße durch entsprechende vor rausschauende Maßnahmen vermieden werden.

Techniken der Künstlichen Intelligenz müssen sich nicht auf die Analyse und Steuerung von Geschäftsprozessen beschränken. Auch die eigentliche steuerfachliche Arbeit kann automatisiert werden. In diesem Zusammenhang wird von einem Robotic Process Automation (RPA) gesprochen. Zu nennen sind beispielsweise das Vergleichen und Indizieren juristischer Dokumente, die Analyse der verwendeten Argumentationsstrukturen oder eine erste Beurteilung juristischer Sachverhalte. Auf diese Weise können steuerlich relevante Schriften wie Bescheide, Gesetzestexte, Erlasse, Urteile oder Klageschriften nicht nur maschinell verarbeitet, sondern auch von der Maschine inhaltlich analysiert, verstanden und – in Teilen – sogar erstellt werden.

Auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen

Klassischerweise werden juristische Dienstleistungen im Steuerrecht individuell für einen Mandanten erbracht. Die Abrechnung erfolgt typischerweise zeitbezogen oder pauschal. Es ist offensichtlich, dass derartige Abrechnungsmodalitäten keinen besonderen Effizienzdruck auf die Leistungserbringer ausüben.

Die zuvor genannten Technologien des zweiten Maschinenzeitalters lösen erhebliche Automatisierungseffekte aus; steuerrechtliche Dienstleistungen können aber als Ganzes nicht vollautomatisiert in einer Art Massenfertigung erbracht werden. Dabei gilt zu bedenken, dass eine kundenindividuelle Einzelfertigung einerseits und eine Massenfertigung andererseits nur zwei Pole eines breiten Kontinuums möglicher Organisationsformen im Erstellungsprozess einer Dienstleistung bilden. Beispielsweise kann die gesamte Dienstleistung in diverse Teilleistungen untergliedert werden, die jeweils von speziellen internen Service-Einheiten erbracht oder extern am Nah- oder Fernmarkt bezogen werden. Auch können in bestimmten Einzelschritten vielfältige Automatisierungspotenziale genutzt werden.

Im zuvor genannten Beispiel kann die Analyse von mit Process Mining aufgedeckten Compliance-Verstößen in einem ersten Schritt vollständig automatisiert in Form eines regelmäßigen Berichts erfolgen. Die detaillierte Analyse und Interpretation des Berichts wird dann im Auftrag des Mandanten im Rahmen einer entsprechenden zusätzlichen Beratungsleistung erbracht.

Hinweis | Der Basisdienst wird im Rahmen eines Pauschaltarifs nach Unternehmensgröße angeboten, die Fallanalyse entsprechend individuell vereinbart.

Ausblick | Künstliche Intelligenz ist auf absehbare Zeit nicht besser als natürliche Intelligenz, auch nicht im Steuerbereich. Indes ist der Steuerbereich als Anwendungsfeld klar abgegrenzt, stark geprägt durch ein fachspezifisches Vokabular, beruht in vielen Teilbereichen auf großen Datenmengen und viele Aufgaben sind hoch repetitive Routinetätigkeiten. Das alles sind beste Voraussetzungen für eine Automatisierung, bei der Technologien der Künstlichen Intelligenz eine zentrale Rolle einnehmen. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass das Steuerrecht, die Finanzwissenschaft und die betriebswirtschaftliche Steuerlehre als klassische Teildisziplinen der Steuerwissenschaft um eine vierte Disziplin Tax Technology („taxtech“) zu erweitern ist, die sich mit informatischen Fragen im Steuerbereich systematisch beschäftigt.

Zitierweise: Fettke, Tax Compliance, TLE-45-2017

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Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Universität Leipzig.
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Professor für niederländisches und europäisches Steuerrecht an der Universität Tilburg.
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